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Kann ein Schmetterling eine Gefahr sein?

Meistens freuen wir uns ja über Schmetterlinge, jedenfalls über die schönen bunten Tagfalter. Sie sind hübsch und harmlos. Nachtfalter sind vielen schon nicht mehr so ganz geheuer – dabei sind sie auch auf ihre Art wunderschön. Dann sind da aber auch noch die Raupen. Die sind nicht immer so beliebt, gerade bei Gärtnern, denn sie fressen Pflanzen und können einen erheblichen Schaden anrichten. Was die Raupe frisst, kann man oft schon an den Namen der Falter erkennen – Gemüseeule, Kohl- und Rapsweißling. Plötzlich ist das eben noch harmlose Tier ein Nahrungskonkurrent und Schädling.

Bei uns in der Stadt gibt es immer weniger Schmetterlinge, so ist die Gefahr klein. Ohnehin geht es den Insekten schlecht, die moderne Landwirtschaft hat die Schädlinge “gut unter Kontrolle”, also fast vernichtet. Wir haben verstanden, dass es die Larven der Schmetterlinge, die Raupen, braucht, damit es Schmetterlinge geben kann, und dass die Raupen meist nur ein sehr eingeschränktes Nahrungsspektrum nutzen, dass sie dann auch finden müssen. Also lassen wir auch ein Brennnesseln stehen, für Tagpfauenauge, kleinen Fuchs, Admiral und andere Arten, auch die Knoblauchsrauke darf wachsen, für die Aurorafalter, die man in Hamburg schon gelegentlich noch sehen kann. Fraßspuren an den Pflanzen gehören dazu, passt schon.

Doch dann gibt es ein paar Schmetterlinge, über die wir uns gar nicht freuen. Eichen-Prozessionsspinner zum Beispiel sind bekannt und unpopulär, weil sie in Massen auftreten und weil die Brennhaare der Raupen toxische Hautreaktionen beim Menschen auslösen. Massenvermehrung ist ohnehin oft problematisch, weil die Raupen dann in kürzester Zeit große Flächen kahlfressen können. Insbesondere dann, wenn keine natürlichen Feinde da sind, die die Zahlen schnell wieder reduzieren und für ein Gleichgewicht sorgen könnten.

Ungeliebtes Neozoon Buchsbaumzünsler

Buchsbaumzünsler (Schmetterling) auf der Unterseite eines Weinblattes
Buchsbaumzünsler

Und genau das ist beim Buchsbaumzünsler (Cydalima perspectalis) der Fall. Wir haben ihn auch im Stephanusgarten entdeckt, er macht sich nahezu ungebremst über die Buchsbäume her. Warum ungebremst?

Ursprünglich ist er in Asien beheimatet. Von dort wurde er vermutlich durch internationalen Pflanzenhandel nach Europa gebracht. Er ist erst seit Anfang dieses Jahrhunderts hier nachweisbar (Neozoon steht für eingeschleppte oder eingeführte Tierarten). 2006 in Deutschland zum ersten mal gesichtet breitet er sich auch hier rasend schnell als invasive Art aus. Die Raupen fressen Buchsbaum, nur Buchsbaum und viel Buchsbaum. Zuerst die Blätter, dann auch die Rinde. Wenn es soweit kommt, ist dem Busch nicht mehr zu helfen. Und da die Tiere bei uns neu sind, gibt es niemanden, der viel Buchsbaumzünsler frisst. Und so vermehren sie sich weiter und vernichten einen Buchsbaum nach dem anderen. Es gibt Hoffnung, es gibt Hilfe, aber wahrscheinlich müssen wir eingreifen, wenn wir unsere Buchsbäume erhalten wollen. Dazu mehr später.

Der Buchsbaumzünsler

Die Falter sind eigentlich ganz hübsch, wenn auch eher unscheinbar. Die Flügel sind meist aufgeklappt, so dass sich eine fast dreieckige Form ergibt. Die Grundfarbe ist weißlich-cremefarben. Die Flügel haben einen braunen Saum oder sind manchmal auch ganz bräunlich gefärbt. Im richtigen Licht schillern sie blauviolett. In etwa in der Mitte der Vorderkante kann man einen typischen hellen Fleck erkennen, der ist immer da. Der Falter hat lange Fühler und rötlich erscheinende Augen.

Die Raupen beginnen winzig, werden aber bis zu fünf Zentimeter lang. Die Grundfarbe ist gelbgrün bis dunkelgrün, der Körper ist mit einem schwarz-weißen Muster aus Streifen und Punkten überzogen und mit Borsten besetzt, der Kopf ist schwarz.

Befall

Nicht die Falter sind das Problem, es sind die Raupen. Falter sieht man sogar eher selten am Buchsbaum, sie verstecken sich gern an der Unterseite von Blättern anderer Pflanzen. Manchmal findet man sie auch offen auf Wänden. Nur die Weibchen besuchen die Buchsbäume zur Eiablage. Sie leben übrigens nur etwa acht bis neun Tage. Das reicht ihnen, um einen Partner zu finden (oder andersherum, der sie), sich zu paaren, einen freien Buchsbaum zu suchen und ihre Nachkommenschaft als Eier zu platzieren.

Falter am Buchsbaumzweig

Aus den Eiern schlüpfen nach wenigen Tagen die Raupen und fangen an zu fressen und zu wachsen, bis sie sich verpuppen und schließlich neue Falter schlüpfen. Der ganze Zyklus dauert nur 2-3 Monate, es kann also mehrere Generationen in einem Jahr geben. Den längsten Zeitraum macht das Raupenstadium aus, in dem gefressen wird. Die letzte Generation eines Jahres überwintert als Puppe in Ritzen oder zwischen den Blättern.

Wenn ein Buchsbaum befallen ist, dann erkennt man das an den angefressenen Blättern, die im Verlauf auch deutlich fleckig, bräunlich und trocken werden, und an einem Gespinst aus dünnen Seidenfäden, das aus einzelnen Blättern Bündel und Pakete macht. Zusätzlich hängt oft noch der Kot der Raupen als kleine schwarze oder grüne Klümpchen an der Pflanze.

Die Bilder oben zeigen stark befallene Buchsbäume in der unmittelbaren Nachbarschaft des Stephanusgartens. Aus der Nähe sieht man das natürlich etwas deutlicher.

Sieht man dann noch genauer hin, kann man in der Regel auch die Raupen gut erkennen. Endweder offen fressend, oder, nachdem man die Gespinstknäuel auseinandergezogen hat, darin versteckt.

Bekämpfung

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, gegen Buchsbaumzünsler vorzugehen. Die harmloseste, aber nur bei geringem Befall erfolgversprechende ist das Absammeln der Raupen. Das machen wir jetzt erst mal. Ja, man muss die dann töten, das muss man in allen Fällen. Wenn das nicht reicht, müssen wir etwas anderes tun. Echte Gefahr droht, sobald die vielen Raupen an den stark befallenen Buchsbäumen zu Faltern herangereift sind. Die werden mit Sicherheit den Weg in den Stephanusgarten finden.

Die wahrscheinlich schlechteste Idee nach Nichtstun ist, den Buchsbaum zurückzuschneiden oder auszureißen und die befallenen Teile mitsamt den Raupen auf den Kompost zu werfen. Dort gehen die nicht automatisch ein, sondern haben eine gute Chance, sich zu Faltern zu entwickeln. Ideal wäre sicher, die lokalen Vögel davon zu überzeugen, dass die Raupen ein super Futter für die Brut sind – vielleicht sind sie das aber gar nicht. Die Raupen lagern im Körper Giftstoffe aus den Blättern des Buchsbaums ein. Vermutlich schmecken sie deswegen unseren heimischen Vögeln nicht besonders. Obwohl die sich angeblich – und da steckt ein wenig Hoffnung – langsam an die neue Nahrungsquelle gewöhnen.

Beschleunigen können wir das Lernen der Vögel nicht, anlocken tun wir sie sowieso, was bleibt also?

Absammeln plus

Zusätzlich zu dem bereits erwähnten mühsamen manuellen Vorgehen gibt es auch noch etwas technisiertere Vorschläge. Man kann eine Folie unter und hinter dem Busch ausbreiten und dann versuchen, die Raupen mit scharfem Wasserstrahl aus dem Hochdruckreiniger aus dem Geäst zu pusten. Dann lassen sich sich von der Folie absammeln. Allerdings muss man genau hinsehen, dass nicht Eier und Raupen zurückbleiben, und die Prozedur eventuell wiederholen oder mit einer der anderen kombinieren.

Buchsbaum abschneiden

Entweder ganz radikal und auf Buchs verzichten oder die befallenen Teile abschneiden und hoffen, dass der Busch nachtreibt. Die radikale Methode funktioniert natürlich. Ansonsten klappt das nur in Kombination mit anderen Methoden. Algenkalk wird im Zusammenhang mit Rückschnitt oft erwähnt, er stärke den Buchsbaum und führe zu gesundem Nachwuchs. Er würde außerdem die Raupen bremsen. Manche Experten weisen jedoch darauf hin, dass der Wirkungsnachweis fehlt und dass Algenkalk den pH-Wert des Bodens ungünstig verändern kann.

Auf jeden Fall muss man mit dem Abschnitt vorsichtig umgehen, denn der enthält ja noch lebende Tiere, die sich auch weiter entwickeln können. Also, wie bereits gesagt, nicht ohne weiteres auf den Kompost. Und eigentlich wollen wir die Buchsbäume ja behalten.

Vergiften

Das kann man mit fast jedem Lebewesen machen, also auch mit dem Buchsbaumzünsler. Toxisch wirkende Insektenvertilgungsmittel gibt es etliche. Das Problem dabei ist, dass die Gifte in der Regel nicht spezifisch wirken und gleich alle anderen Insekten mit vergiften, und eventuell auch andere Tiere in der Nahrungskette, wie die Vögel, die die Raupen dann vielleicht doch fressen. Ich zitiere den NABU: “Einige von ihnen enthalten Thiacloprid. Diese Schädlingsbekämpfungsmittel sind zwar wirkungsvoll, aber auch wahre “Chemiekeulen” und hochgiftig für alle anderen Insekten und somit mittelbar auch für die Vögel, die am Ende der Nahrungskette stehen.” Auch, wenn ich als Naturwissenschaftler weiß, dass Chemie nicht gleich böse und ohne Chemie keine Leben möglich ist, möchte auch ich von diesem Ansatz abraten.

Möglich wären “natürliche” Präparate mit Neemöl aus dem Samen des Niembaums (Melia azadirachta). In Asien wird das Öl schon länger verwendet. Hierzulande setzt man es auch gegen z. B. Hausstaubmilben in Matrezen ein. Es enthält Azadirachtin. Letztendlich ist das auch giftig, auch chemisch, aber eben in der Regel nicht synthetisiert. Das macht es nicht unbedingt besser, aber es zerfällt unter UV-Licht rasch, also auch an der Sonne, bleibt also nicht ewig erhalten. Die Wirkung ist jedoch leider ebenfalls unspezifisch, sondern schädigt auch andere Insekten, die man eigentlich nicht treffen will.

Nah dran am Vergiften ist auch ein Rezept für ein selbstgemachtes Spritzmittel aus Essig und Öl, das man bei buchsbaumzünsler.net findet. Essig macht angeblich die Blätter für die Raupen ungenießbar, Öl verklebt ihre Atmungsorgane, sie sterben ab. Scheint aber, so beschreibt der Autor es selbst, nicht sehr wirksam zu sein, insbesondere nicht gegen Eier und Raupen, die sich eingesponnen haben. Zudem fallen die Raupen oft nur herab, erholen sich wieder und sind nach dem nächsten Regen wieder da.

Verseuchen

Verseuchen ist nah dran an Vergiften: Man versucht, dem Schädling eine tödliche Krankheit zu verpassen, die es möglichst nur bei ihm gibt. In diesem Fall wäre das ein beabsichtigter Befall mit Bacillus thuringiensis, einem Bakterium, das in der Natur am Wurzelwerk von Pflanzen vorkommt. Das scheint sehr wirkungsvoll zu sein, wenn man den richtigen Zeitpunkt erwischt. Die Bakterien produzieren im Inneren der Raupen ein Gift, das diese dann tötet. Das Gift ist biologisch abbaubar. Da das Bakterium nur bestimmte Raupen und Larven angreift, sind alle anderen Insekten und auch Wirbeltiere außer Gefahr. Allerdings würden auch andere Schmetterlingsraupen und Käferlarven getötet, so dass man beim Einsatz sehr genau zielen muss – nur Buchsbaum einsprühen und nur zur richtigen Zeit, also kurz nach dem Schlüpfen der Raupen. Woher weiß man, wann das ist? Durch Beobachtung. Die Falter leben nur 8-9 Tage. In der Zeit legen sie die Eier, drei Tage später schlüpfen die Raupen, also ist ein bis zwei Wochen nachdem man die Falter beobachtet hat eine gute Zeit.

Parasiten einsetzen

Im Grunde kann man die oben genannten Bakterien auch schon als Parasiten betrachten, ich meine hier aber “größere” Tiere. Das ist eine Methode, die gern gegen Schädlinge eingesetzt wird: Man setzt die natürlichen Feinde ganz in der Nähe des Befalls aus. Schlupfwespen werden oft gegen unerwünschte Insekten eingesetzt, sie legen ihre Eier in die Raupen oder Larven, die schlüpfenden Wespenlarven fressen ihren Wirt von innen auf und töten ihn schließlich, wenn sie aus ihm schlüpfen. Klingt total natürlich, aber auch hier gibt es einiges zu beachten. Denn es sollen ja nur die Buchsbaumzünsler bekämpft werden und nicht alle Insektenlarven. Schlupfwespen spezialisieren sich durchaus auf bestimmte Wirte. Nur ist der Buchsbaumzünsler erst wenige Jahre hier. Die heimischen Schlupfwespen haben ihn noch nicht für sich entdeckt. In seiner Herkunftsregion gäbe es eine Schlupfwespe, die auf Buchsbaumzünsler geht, die könnte man importieren. Sollte man aber nicht. Wer sagt, dass die Wespe einen Unterschied zwischen gewohnter Kost und unseren Schmetterlingsraupen macht? Parasiteneinsatz kann schief gehen. Das zeigt das Beispiel der asiatischen Marienkäfer, die zur Blattlausbekämpfung importiert wurden und unsere heimischen Arten inzwischen fast verdrängt haben.

Anlocken und Austricksen

Es gibt Pheromonfallen für Buchsbaumzünsler. Die werden mit dem Sexuallockstoff der Weibchen versehen und locken die Männchen an, die dann in der Falle gefangen werden. Allerdings ist das nicht wirklich zur Bekämpfung geeignet, man erwischt zu wenige. Und gar keine Weibchen, die dann von wenigen Männchen befruchtet immer noch eine Menge Eier legen können. Aber die Fallen helfen, den richtigen Zeitpunkt zu bestimmen, andere Maßnahmen einzusetzen wie Bacillus thuringiensis oder Neemöl.

Irgendwo habe ich den Tipp gelesen, dass man doch einfach die Buchsbäume vor dem Schlüpfen in Gaze wickeln könnte, so dass die Falter nicht wegfliegen können. Ja, vielleicht, könnte klappen. Vielleicht auch nicht, weil man schwerlich alle erwischt. Außerdem ist der Busch dann ja in der Regel schon kahl. Lohnt es sich dann noch?

Fernhalten

Man findet auch Tipps, wie man den Buchsbaumzünsler mit sanften Hausmitteln wie Knoblauchtee loswerden könne. Die Annahme dahinter ist wohl, dass die Falter und Raupen den Geruch nicht mögen und daher die besprühten Pflanzen meiden. Ich konnte bisher keinen guten Beleg für Wirksamkeit finden.

Wirkungsvoll ist anscheinend, den ganzen Buchsbaum zur Flugzeit der Falter in ein Netz mit maximal 10 mm Maschenweite einzuwickeln. Wenn die Weibchen nicht landen können, können sie auch keine Eier legen. Man muss dann allerdings zwei bis dreimal im Jahr einwickeln und darf erst wieder auspacken, wenn man sicher ist, dass keine Falter mehr fliegen. Ziemlicher Aufwand und optisch sicher auch nicht sehr attraktiv. Zudem könnten sich Vögel in den Netzen verfangen und umkommen.

Kochen

Klingt kurios, ist aber ernst gemeint. Man kann wohl bei kleineren Buchsbäumen den ganzen Busch in einen schwarzen Müllsack hüllen, der sich dann bei Sonnenschein so sehr erhitzt, dass die Raupen im Inneren absterben. Klappt aber wohl nur im Sommer.

Backen

Das Hausmittel Backpulver nutzt nach meinen Recherchen übrigens nichts. Damit sollte man doch lieber Kuchen backen.

Wie machen wir weiter?

Anscheinend gibt es bereits konkrete Planungen bei den Nachbarn, die schlimm verseuchten Büsche zu entsorgen. Damit wäre die Gefahr für den Stephanusgarten zwar nicht gebannt, aber deutlich verringert. Mit etwas Glück und gutem Auge kommen wir mit Absammeln aus. Ansonsten scheint mir ein Spritzmittel mit dem thüringschen Bazillus am besten. Besprechen wir dann, wenn es soweit ist. Bis dahin: Daumen drücken und Augen auf!

Weitere Informationen

buchsbaumzuensler.net mit umfangreichen Informationen zur Erkennung, zum Lebenszyklus und zur Bekämpfung

Mein schöner Garten mit ähnlichen, nicht ganz so umfangreichen, aber dennoch guten Informationen

NABU mit einem Artenportrait und einer Warnung von Gifteinsatz

QUARKS & Co mit einem interessanten Beitrag unter anderem zum Einsatz von Schlupfwespen

Wikipedia mit allgemeinen Infos

Bildnachweis

Alle Fotos (c) Henrik Zawischa, Stephanusgarten